Wahrnehmungsstörungen und Lernstörungen - wie hängen sie zusammen?

Einführung

Ob sich eine Lernstörung isoliert entwickelt bzw. einfach „existiert“ oder ob Wahrnehmungsstörungen die „Grundlage“ für die Entstehung einer Lernstörung sind, ist eine schwierige Fragestellung und bislang gibt es dazu keine eindeutig gültigen Aussagen. Als erstes erscheint es mir wichtig, die Begriffe „Wahrnehmungsstörung“ und „Lernstörung“ zu definieren. Beide sind Überbegriffe, welche eine Reihe verschiedenartiger Probleme inkludieren. Während der Begriff der „Lernstörung“ in den diversen Diagnoseschemata (ICD und DSM1) relativ genau definiert ist, trifft dies für die sogenannten „Wahrnehmungsstörungen“ leider nicht zu.

Begriffsbestimmungen

Eine „Lernstörung“ - im Sinne einer Teilleistungsschwäche - liegt dann vor, wenn bei mindestens durchschnittlichem intellektuellen Leistungsniveau die schulischen Fertigkeiten (wie lesen, rechtschreiben, rechnen) unterdurchschnittlich, das heißt nicht altersadäquat und der Beschulung nicht entsprechend sind. Das ICD-10 (1994) unterteilt die „Umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“ unter anderem weiter in „Lese- und Rechtschreibstörung“, „Isolierte Rechtschreibstörung“, „Rechenstörung“. Laut ICD dürfen diese spezifischen Lernstörungen nicht aufgrund einer unangemessenen Beschulung, einer allgemeinen Intelligenzminderung, irgendeiner erworbenen Hirnschädigung oder -erkrankung entstanden sein.

Ein weiteres Ausschlusskriterium für diese Diagnosen ist das Vorhandensein von Perzeptionsstörungen, Visusproblemen etc. Weiters müssen sich diese Lernstörungen bereits in frühen Entwicklungsstadien abzeichnen und weit unter dem Leistungsniveau von Kindern mit gleichem geistigen Entwicklungsalter liegen. Demgegenüber sind weder im ICD-10 noch im DSM-IV (APA, 1994) Definitionen für sogenannte „Wahrnehmungsstörungen“ vorgesehen.

ICD: Das „International Classification of Diseases“, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation, ist ein multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters. Es wird in Österreich an Kliniken und Krankenkassen/Versicherungsträgern zur Diagnosefindung  herangezogen.
DSM: Das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ ist ebenfalls ein Diagnoseschema für psychische/psychiatrische Erkrankungen, welches primär im angloamerikanischen Raum verwendet wird. In Österreich wird es vor allem für Forschungszwecke (im Rahmen von Studien) eingesetzt.

Was versteht man unter Wahrnehmung?

Wahrnehmung oder Perzeption inkludiert all jene Prozesse, die ablaufen, wenn Sinnesreize im Gehirn bzw. Zentralnervensystem (ZNS) verarbeitet werden. Gemäß diverser kognitiver Informationsverarbeitungsmodelle reicht der Prozess der Wahrnehmung von der Informationsaufnahme bis zur Handlungsausführung. Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess, der sich nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten im Laufe der Entwicklung verfeinert. Das heißt, die Menge und Qualität der Informationsaufnahme und Handlungskompetenz werden durch den Entwicklungsverlauf bestimmt.

Je mehr Stimulation bzw. Sinnesreize der Mensch erhält, desto besser entwickeln sich bestimmte Informations- bzw. Wahrnehmungssysteme. Auch so komplexe Vorgänge wie Denkprozesse (Schlussfolgerungen ziehen, antizipatorisches Denken, abstraktes Denken, Merkfähigkeit etc.) sind wahrnehmungs- und somit „trainingsabhängig“.

Einem Muskel vergleichbar kann auch das Gehirn effizienter arbeiten, wenn es regelmäßig stimuliert wird bzw. Sinnesreizen ausgesetzt wird. Interessanterweise spielt dabei die Intaktheit der peripheren Sinnesorgane (Auge, Ohr, Haut, Nase) eine weniger wichtige Rolle als allgemeinhin angenommen. Beispielsweise kann ein schielendes Kind (Sehstörung bzw. visuelle Störung) durchaus eine gute Raumvorstellung entwickeln (Sonderegger, 1994). Ein Defekt in einem Sinnesbereich kann oft durch die Leistungen in einem anderen Sinnesbereich kompensiert werden (beim schielenden Kind vor allem durch die Tast- und Bewegungssinne).

Im Unterschied zu den „einfachen Wahrnehmungen“ wie sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen sind höhere kognitive Leistungen wie komplexe Denkvorgänge (auch schriftsprachliche und rechnerische Fertigkeiten) abhängig von der Informationsaufnahme und dem Informationsaustausch verschiedener Sinnesmodalitäten. Komplexe Wahrnehmungen wie höhere kognitive Fähigkeiten setzen multimodale Informationsverarbeitung voraus: um ein Diktat erfolgreich bewältigen zu können, müssen mehrere Sinnesmodalitäten intakt sein und darüber hinaus der Informationsaustausch zwischen den einzelnen Bereichen funktionieren. Intakt sein müssen die auditiven Fähigkeiten, die visuellen und graphomotorischen Fähigkeiten sowie die spezifischen Laut-Buchstabe-Assoziationen.

Das Diktierte muss sowohl bezüglich der Lautstärke gehört, bezüglich feiner Lautunterschiede differenziert als auch dessen Inhalt verstanden werden, und das Gehörte muss niedergeschrieben werden, und zwar in der sequentiell richtigen Lautfolge. Mit anderen Worten, auch wenn die einzelnen peripheren Sinnesbereiche voll funktionsfähig sind, kann es an der komplexeren Informationsverarbeitung (beispielsweise der Lautdifferenzierung bei intakter Hörfähigkeit), dem Informationsaustausch bzw. dem Zusammenspiel zwischen den einzelnen Sinnesbereichen liegen, wenn das Endresultat (in diesem Falle die Rechtschreibleistung) zu wünschen übrig lässt.

Wann liegt eine Wahrnehmungsstörung vor?

Wahrnehmungsstörungen manifestieren sich immer in mangelhafter Leistung, welche sich auf der motorischen, der sprachlichen, der kognitiven (Denkleistung) Ebene zeigen kann (Affolter, 1997).

Je nach Ausprägungsgrad der Wahrnehmungsstörung kann das betroffene Kind Leistungs- bzw. Entwicklungsdefizite haben, ohne dass offensichtliche organische Beeinträchtigungen vorliegen. Das heißt, kinderneurologische Untersuchungen sind in vielen Fällen unauffällig. Der Arzt diagnostiziert in vielen Fällen lediglich ein „ungeschicktes“ Kind. Zuweilen wird angenommen, dass einer Wahrnehmungsstörung eine minimale zerebrale Funktionsstörung zugrundeliegt. In diesem Zusammenhang finden sich in der Literatur auch Begriffe wie „Psychoorganisches Syndrom“ (POS) und „Minimale Cerebrale Dysfunktion“ (MCD). Die Bezeichnungen POS bzw.

MCD zur Diagnose oder Beschreibung einer Teilleistungs- bzw. Lernstörung sollten vermieden werden, da sie eine Pathologisierung implizieren (organisch bedingt), keine Aussagen über die Entstehung machen und auch bei der Förderplanung keineswegs nützlich sind.

Nützlicher sind neuropsychologische Ansätze, welche eine genaue und differenzierte Beschreibung der Leistungsfähigkeit eines Kindes zum Ziele haben. Durch das Erstellen eines sogenannten „Stärken-Schwächen Katalogs“ der kognitiven Fähigkeiten bzw. Denkleistungen können spezifische Leistungsschwächen erkannt werden. Kann ein Kind beispielsweise nicht gut abzeichnen, so sagt dies noch nichts über die Problemursache aus.

Liegt die Schwierigkeit primär auf der visuell-perzeptiven Ebene (dem Erfassen der visuellen Details und der Raum-Lage Beziehungen der einzelnen Figurelemente), der graphomotorischen Ebene (Bewegungsausführung, Stifthaltung) oder der Integration der beiden Fähigkeiten (der Informationsübertragung von einer Sinnesmodalität zur anderen)? Ist das Problem genau definiert, so kann auch die Förderung bzw. das Training gezielter geplant werden. Dadurch wird verhindert, dass das Kind durch zu viel Übung frustriert wird, vor allem wenn die Übungen relativ erfolglos bleiben, da am falschen Ende trainiert wird.

Wahrnehmungsstörung und Lernstörung, gibt es einen Zusammenhang?
Um diese Frage beantworten zu können, muss zuallererst die „Lernstörung“ differenziert betrachtet werden. Welche Ursachen liegen derselben zugrunde bzw. welche Teilleistungen bzw. Wahrnehmungsprozesse sind so mangelhaft, dass das Kind nicht mehr kompensieren kann? Nehmen wir die Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) als Beispiel, so ist die Erkenntnis wichtig, dass es nicht „die“ LRS gibt. Vielmehr existieren verschiedene Arten der LRS, welche sich in unterschiedlichen Leistungsprofilen bzw. Teilleistungsschwächen manifestieren.

Mögliche Ursachen einer LRS - im Sinne einer Teilleistungsschwäche (also nicht durch mangelnde Beschulung, reduzierte intellektuelle Leistungsfähigkeit oder Beeinträchtigung der peripheren Sinnesorgane) - sind vielschichtig.

Zu den häufigsten Ursachen von LRS zählen: 

  • Raum-Lage Probleme („Spiegelfehler beim Schreiben von Buchstaben“), 
  • Lautanalyse und Lautsequenzierungsfehler (Auslassungen, Einfügungen, Vertauschungen von Buchstaben und/oder Silben) 
  • mangelnde Lautdifferenzierung (trotz guter Hörfähigkeiten bezüglich Lautstärke kann nicht zwischen phonologisch ähnlich klingenden Lauten unterschieden werden wie beispielsweise b/d, d/t, b/p, e/ä etc.) 
  • nicht etablierte Laut-Buchstabe bzw. Buchstabe-Laut Assoziationen (Kind weiß nicht, wie man den Laut „a“ schreibt bzw. weiß nicht, wie der Buchstabe „a“ klingt).

Rein graphomotorische Probleme, also ein schlechtes Schriftbild bei ansonsten guten Lese- und Rechtschreibfertigkeiten, gehören nicht zu den LRS im engeren Sinne.

Ist die LRS das einzige Problem des Kindes, so ist in den meisten Fällen eine Schwäche der phonologischen Informationsverarbeitung der Grund dafür. Hat das Kind als alleiniges Problem eine Schwäche der Lautdifferenzierung und -sequenzierung, so kann dies im Entwicklungsverlauf und in den Alltagshandlungen tatsächlich unbemerkt bleiben. Sehr oft jedoch ist die LRS nur ein Problem neben einigen anderen.

Hat das Kind zusätzlich zur LRS auch Raum-Lage Probleme, graphomotorische Probleme, Aufmerksamkeits- und/oder Merkfähigkeitsprobleme, so liegt der Summe dieser Leistungsdefizite höchstwahrscheinlich ein Wahrnehmungsverarbeitungsproblem zugrunde. Liegt ein solcher Verdacht vor, dann bedarf es einer genauen Diagnostik (auch neuropsychologisch und ergotherapeutisch). Nur dann ist das Erkennen der Problemursache möglich, was wiederum eine notwendige Voraussetzung für die Erstellung eines möglichst wirksamen Therapie- bzw. Förderplanes ist.

Mag. Liane Kaufmann, Univ.Klinik Innsbruck

Literatur:

Affolter (1997). Wahrnehmung, Wirklichkeit und Sprache, Verlag Neckar
American Psychiatric Association (1994). Diagnostic and Statistical Manual of Mental
     Disorders
(Fourth Edition). APA, Washington, DC.
Remschmidt H. & Schmidt M.H. (1994). Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische
     Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO.
Dritte, revidierte
     Auflage. Verlag Hans Huber.
Ruf-Bächtiger (1987). Das psychoorganische Syndrom.
Sonderegger (1994). Therapie am Küchentisch.