Spezielle Hilfestellungen für lese-/rechtschreibschwache Kinder

Handzeichen als visuelle, sprechmotorische und kinästhetische Hilfe bei der phonematischen Differenzierung im Leselernprozess


Am Anfang des Lesenlernens steht die Sprachfertigkeit. Ein Kind muss über gute Kenntnisse der Muttersprache verfügen, da die Gliederung eines Wortklangbildes in engem Zusammenhang mit der Differenzierung einzelner Laute steht und exaktes Sprechen der einzelnen Laute eine Orientierungshilfe bedeutet. Dies wird auch durch die Anamnese lese-rechtschreibschwacher Kinder bestätigt, die zu einem großen Prozentsatz in ihrer frühkindlichen Entwicklung Störungen der Sprachentwicklung aufweisen.


Das Sprechen enthält drei Arten von Information: Laute - Grammatik - Bedeutung. Die Laute als phonetische Information werden beim gewöhnlichen Miteinanderreden wenig beachtet, aber die genaue Unterscheidung innerhalb des phonetischen Stromes ist ausschlaggebend für das Lesenlernen.


Das Kind muss deshalb die Fähigkeit entwickeln, das Gehörte in seine einzelnen Teile zu gliedern, bevor man die Umsetzung des geschriebenen Codes in Sprache und umgekehrt erwarten kann. Die üblichen Probleme lese-rechtschreibschwacher Kinder wie Verhören, Überhören, fehlende Trennschärfe bei der Wahrnehmung, Verwechseln ähnlicher Laute und Wörter sowie oftmalige Umstellungsfehler ergeben sich aus der mangelnden Fähigkeit genauen Lautierens.


Durch meine Tätigkeit als Sprachheillehrerin ist mir die Wichtigkeit des Ortes der Lautbildung als Hilfe bei der Behebung von Dyslalien bekannt. Mit der Hand und dem Spiegel wird dem Kind der Ort der Lautbildung bewusst gemacht.
Durch die Verstärkung motorischer Wahrnehmung wird zusätzlich auch eine direkte Verbindung in den sensorischen Bereich im Gehirn hergestellt. Da besonders zwei Zentren im Gehirn in unmittelbaren Zusammenhang mit der Sprache gebracht werden - das Broca´sche Zentrum für die Sprachmotorik und das Wernike Zentrum für die sensorische Verarbeitung zur Entschlüsselung der empfangenen Symbole - und diese Zentren auf direktem Weg miteinander verbunden sind, kann man die bewusst gemachte Sprechmotorik als direkten Weg zum Verständnis der Laute und ihrer Differenzierung nützen.


Deshalb sollte man Schüler vor dem eigentlichen Leseunterricht - schon beim Erlernen der Buchstaben-Laut-Zuordnung - in die Art und vor allem den Ort der Lautbildung einweisen. Um dies sinnvoll durchführen zu können, muss man sich mit der Phonetik unserer Sprache auseinandersetzen.


Man unterscheidet die Laute nach ihrem Artikulationsort und ihrer Artikulationsart.


So werden z. B. die Laute D, T, Z, N und L mit der Zungenspitze und den oberen Schneidezähnen gebildet. Der Unterschied besteht in der Art der Artikulation:



D, T sind Verschlusslaute, das heißt die Zunge verschließt vorerst den Luftstrom und lässt die Luft durch plötzliches Öffnen explosionsartig aus. Erschwerend kommt dazu noch die stimmhafte bzw. stimmlose Aussprache.


Z, S sind Engelaute, die Luft kann noch zwischen Zunge und oberen Schneidezähnen entweichen.


Beim N verschließt die Zunge den Mundraum, der Luftstrom wird über den Nasenraum geleitet.


Beim L hingegen wird wohl der Mundraum vorne durch die Zunge und obere Schneidezähne verschlossen, durch ein leichtes Anheben der Seitenränder der Zunge aber kann die Luft seitlich entweichen.


Allein durch dieses Beispiel wird klar, welch feinste Unterschiede ein Kind bei der Artikulation einzelner Laute wahrnehmen muss.


Durch die Handzeichen - fallweise mit Hilfe des Spiegels - wird auf Ort und Art des Lautes eingegangen:



Beim D zeigt der Zeigefinger an die oberen Schneidezähne und verharrt bei deutlich stimmhafter Lautbildung dort.


Beim stimmlosen T gehe ich in dieselbe Stellung, stoße aber den Zeigefinger stimmlos vom Mund weg.


Beim N bleibe ich mit dem Zeigefinger bei der Nase, da ja dort die Luft entweicht.


Das S wird mit deutlich breitgezogenem Mund artikuliert, wobei Zeige-und Mittelfinger das Züngeln einer Schlange vom Mund weg mitzeigen.


Das Z wird gleich gezeigt, nur dass die Finger ruckartig wie der Laut vom Mund weggestoßen werden.


Beim L liegt die Zunge deutlich sichtbar durch leichtes Öffnen des Mundes an den oberen Schneidezähnen. Dies kann noch durch ein Hinzeigen mit dem Zeigefinger verstärkt werden.


So gibt es für alle Laute besondere Zeichen, die dem Kind den Ort und die Art des Lautes bewusst machen.


Als ASO-Lehrerin bekomme ich die Kinder meist nicht von Anfang an und möchte deshalb die Anwendung dieser Methode in verschiedenen Beispielen beschreiben.
 




  1. Habe ich ein Kind schon ab der ersten Klasse, so sind die Handzeichen ein Teil multisensorieller Buchstabenerarbeitung. Die Kinder haben einen Wochenplan mit verschiedenen Symbolen, die anzeigen, was sie alles zu einem Buchstaben machen müssen, und ob sie dazu einen Lehrer brauchen oder nicht.
    Dies wird ermöglicht durch eine gut organisierte Freiarbeit. Da die Kinder nicht im selben Tempo zur selben Zeit Aufgaben erledigen, hat der Lehrer genug Zeit, sich mit jedem einzelnen Kind zu beschäftigen. Dies trifft auch auf einen nach Freiarbeit organisierten VS-Unterricht zu.

    Zunächst spreche ich den betreffenden Laut deutlichst mit überzeichneter Mundmotorik aus und mache das Handzeichen dazu. Der Schüler macht das nach und beobachtet sich selber zur Kontrolle im Spiegel. Zur Wiederholung machen wir dann ein Anlautspiel, wobei er oder ich den Laut sagen und ein passendes Wort, das mit diesem Laut beginnt (D wie Dose, D wie Dach...) anhängen. Falls weitere Übungen notwendig sind, mache ich das Handzeichen und das Kind sagt mir den Laut und umgekehrt. Die Kinder haben auch große Freude daran, eine eigene Geheimzeichensprache zu erlernen. 


  2. Bekomme ich Kinder in der zweiten oder dritten Schulstufe, werden nur noch „Stresslaute“ so bearbeitet. Treten Verwechslungen akustischer Art, Artikulationsprobleme oder Merkprobleme in der Buchstaben-Laut-Zuordnung auf, so lassen sie sich durch diese Methode relativ schnell beheben. Manche Kinder dieses Alters benötigen mehr Übung, da der Buchstaben-/Lauterwerb schon mit negativen Erfahrungen besetzt ist. 


  3. Auch im Förderunterricht kann nach dieser Methode gearbeitet werden. Diese Art des Lauterwerbs ermöglicht die Verbesserung der akustischen Differenzierungsfähigkeit und der Laut-Buchstaben-Zuordnung. Da durch genaues Artikulieren, Hören und Wahrnehmen eine intensive Vorarbeit für den Rechtschreibunterricht geleistet wird, sollte diese Methode für alle Kinder genützt werden.

Bearbeitung des Grundwortschatzes nach den Richtlinien lautgetreuer Schreibung und Wörter mit orthographischen Besonderheiten


Nach dem Erlernen der Buchstaben beginnt die Arbeit am Grundwortschatz. Bei meiner Ausbildung zur Montessorilehrerin wurde mir bewusst gemacht, wie wichtig die Betonung auf lautgetreue Schreibung beim Erwerb des Grundwortschatzes ist, da gut die Hälfte aller Wörter lauttreu zu schreiben sind.


Mit unterschiedlich gefärbten Karten einer Rechtschreibkartei kann dieser Tatsache Rechnung getragen werden wie z.B. 




  • weiße Karten für lautgetreue Wörter


  • grüne Karten für Wörter mit: ei, au, eu, ö, ä, ü, sp, st, sch, ch, ck, tz und alle Verdoppelungen, Dehnungen


  • blaue Karten für Wörter mit d/t, b/p (akustische Unterscheidung durch deutlich stimmhafte Aussprache von b/d und stimmlose Aussprache von p/t, Kontrolle durch Mehrzahlbildung Hut/Hüte, Hand/Hände)

Die Karten werden mit den Kindern erarbeitet, um ihnen den Begriff lautgetreu zu veranschaulichen bzw. die Besonderheiten der Wörter auf den grünen und blauen Karten zu betonen. Dem Kind wird durch die Farbe der Karte optisch vermittelt, ob es sich auf das, was es hört verlassen kann, oder ob Rechtschreibregeln zu beachten sind.


Besondere Bedeutung kommt der Kartenfarbe bei der Übungsansage zu, die sich deutlich von der Kontrollansage unterscheidet.


Das Ziel des Rechtschreibunterrichtes ist das freie Schreiben, das eigentlich immer eine innerliche Ansage ist. Das Kind diktiert sich den Text sozusagen selber. Es ist zu beobachten, dass Kinder beim Üben oft richtig schreiben, nicht aber sobald sie freie Texte formulieren; deshalb kommt der Übungsansage mit Selbstkontrolle durch die Farbe der Karten eine besondere Bedeutung zu. Selbstkontrolle deswegen, weil der Schüler bei grünen und blauen Karten vor dem Niederschreiben sagen muss, was das Besondere am Wort ist.


Wird diese Übung täglich 10 Minuten angeboten, so erreicht man eine erstaunliche Verbesserung und Erweiterung des aktiven Wortschatzes.


Besonders wichtig ist dabei die Fehlervermeidung, damit nichts falsch Geschriebenes im Gedächtnis gespeichert wird.Der Hinweis auf den Fehler durch Korrektur bewirkt oft das Gegenteil: der Fehler wird gespeichert, da er ja besonders herausgestrichen wird. Dies erklärt auch das oftmalige Auftauchen der gleichen Fehler, die scheinbar nicht behebbar sind. Zur Korrektur möchte ich noch bemerken, dass sie mir bei Kontrollansagen nur als Information dient, welche Wörter noch geübt werden müssen.


Nach jeder Übung kommt auf die Karte ein Vermerk und nach einer bestimmten Anzahl von Plus wird die Karte abgelegt. Damit wird ein einfacher Grundwortschatz erarbeitet. Es sollte darauf geachtet werde, dass auch lauttreue Wörter in der Rechtschreibkartei vorkommen, da Kinder sonst in jedem Wort eine Besonderheit vermuten und wahllos Dehnungen oder Verdoppelungen einbauen.


SL Barbara Kogler, Montessori-Diplom, Sprachheillehrerin


Literatur:


G. Böhme (Hrsg): Therapie der Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen. Verlag: Gustav Fischer, 1998/2. Auflage
M. Führing, O. Lettermayer...: Die Sprachfehler des Kindes und ihre Beseitigung.
Berlag: ÖBV, 1992
H. Aschenbrenner (Hrsg): Sprachheilpädagogische Praxis. Verlag: Jugend und Volk/Disterweg, 1990/2. Auflage
H. Triebel, W. Maday: Handbuch der Rechtschreibübungen. Beltz Verlag 1992
U. Findeisen, G. Melenk, H. Schillo: Lesen lernen durch lauttreue Leseübungen.
Verlag Dr. Dieter Winkler 1995