Offener Unterricht: Schreiben und Lesen in der Freiarbeit im 1. Schuljahr

Aus den Beobachtungen und Bemerkungen meiner eigenen Kinder, die Schule betreffend, aus ihrer Unzufriedenheit und teilweisen Langeweile durch Unterforderung, wollte ich (damals karenzierte HS-Lehrerin) bei einem Wiedereinstieg ganz einfach "anders" unterrichten.

Durch Zufall ergab es sich, dass ich vor Ende meiner Karenzzeit eine Volksschulklasse übernehmen sollte. Befürworter, Ermunterer oder Helfer fand ich damals kaum bei meiner Vorstellung vom etwas anderen Unterricht - trotzdem begann ich mit der Wochenplanarbeit. Noch während meiner Montessoriausbildung ließ ich alle "Pläne" fallen und begann den Unterricht zu öffnen mit der Freiarbeit. Darunter ist zu verstehen, dass die Kinder innerhalb einer bestimmten Unterrichtszeit aus einem Lern- und Übungsangebot in Form unterschiedlichster Materialien und Aufgabenstellungen wählen können. Dabei haben sie neben der inhaltlichen Auswahlmöglichkeit auch weitgehende Freiheit in der Wahl des Arbeitsplatzes und der Sozialform.

Dieser Form des offenen Unterrichtes sind Gespräche mit Direktion und Eltern vorangegangen, für die diese Methode ebenso neu war und die ihr zum Teil auch skeptisch gegenüberstanden. Ich bat um einen Vertrauensvorschuss und häufigere Elternabende, in denen wir alle Fragen und Zweifel offen behandeln konnten, was auch für uns Erwachsene eine wichtige Lernerfahrung darstellte.

Ich begann mit einer 1. Klasse mit 24 Kindern. Zuerst stellte ich die Möbel des Raumes nach meinen Vorstellungen um. Die Regale füllte ich nach und nach mit Arbeitsmaterialien, farblich gekennzeichnet nach Mathematik, Deutsch und Sachunterricht. Unter den Materialien befanden sich bekannte und vertraute Spiele aus dem Kindergarten (Simile, Was fehlt? .....) und neue Materialien, die ich nach den Lehrplanforderungen hergestellt hatte. Die meisten waren leicht zu handhaben mit Eigenkontrolle (Klammerkarten, Nagelbrett, Lochkarten..), vieles musste von mir in den nächsten Monaten mit jeweils zwei bis drei Kindern eingeführt werden (z.B. Montessorimaterialien).

Nachdem ich in den ersten 2-3 Wochen im herkömmlichen frontalen Unterricht herausgefunden hatte, dass die Konzentration, das Lerntempo, der Arbeitseifer, das mitgebrachte Können und Wissen weit auseinanderklafften, zudem einige eigenwillige Persönlichkeiten einen 5-stündigen Unterricht zur Qual werden ließen, war ich gezwungen zu handeln - auch um meiner Selbst willen! Ich arbeitete verstärkt mit stillen Übungen, überlegte täglich im Sitzkreis mit den Kindern, welches Material sie für einige Zeit bearbeiten wollten und ließ eine freie Arbeit zu.

Anfangs waren es zwanzig Minuten, denn eine halbe Stunde und allmählich dehnten wir die Freiarbeit bis zu zwei Stunden aus mit Anfangs- und Schlusskreis. Diese Zusammenkünfte vor oder nach einer stillen Übung waren mir in den ersten zwei Jahren sehr wichtig: 

  • zum einen, um den Kindern die Chance zu geben, über ihre Arbeiten zu sprechen, andere dadurch zu motivieren,
  • zum anderen, um über Störungen zu sprechen, auf diese einzugehen und Regeln aufzustellen, die für jeden galten.

Wir brauchten in unserer Klasse keine Plakate mit Regeln, aber wir sprachen immer und sofort offen aus, was uns ge- bzw. missfiel. In diese freien Lernphasen entfielen auch die Buchstabenerarbeitungen, das Üben und Festigen. Unterstützt durch die Lehrplanforderung, dass am Ende der 2. Klasse jedes Kind lesen und schreiben können sollte, hatte ich alle Zeit der Welt. Damals gab ich die Reihenfolge der Buchstaben vor. (In einem neuen Turnus werde ich auch in dieser Hinsicht mutiger sein).

Durch das vielfältige Übungsangebot wurde es den Kindern nie langweilig, Buchstaben und Wörter zu trainieren. Am Ende jeder 2. Woche führte ich dann den sogenannten Buchstabentag ein. Jeweils am Freitag kamen ca. neun Eltern in der 3. und 4. Stunde in die Klasse, um mit den Kindern gemeinsam an Stationen noch einmal zu üben. (Man kann diesen Stationsbetrieb auch ohne Eltern bewältigen - gute Organisation ist Voraussetzung! - Ebenso eignet sich ein Buchstabentag zur Einführung eines neuen Buchstabens). Die 10 Stationen waren auf die neuen Buchstaben und Wörter zugeschnitten, wobei mir zwei Dinge wichtig waren:

  1. Manche Stationen blieben bis zum Schulende gleich (Computer, Schreibmaschine, Setzkasten, Stempel, Tafel)
  2. Alle Sinne mussten aktiviert werden. Die Kinder erlebten den Buchstaben über den ganzen Körper (Malstation, sticken, hören, fühlen, balancieren, schneiden, kneten).

Die Kinder lernten innerhalb kürzester Zeit den Umgang mit den unterschiedlichsten Materialien. Dies durfte ich in der Freiarbeit dann auch als gekonnt voraussetzen. Sie lernten das Warten, wenn Stationen gerade besetzt waren, sie lernten sich zu arrangieren, eine gewisse Zeiteinteilung, sie lernten das Arbeiten nebeneinander und miteinander und hatten großen Spaß dabei.

Den Eltern brachten diese Vormittage auch neue Einblicke. Was auf den ersten Blick oft spielerisch wirkte, war für manches Kind harte Arbeit. Man lernte das Kind in der Gruppe kennen, sah die Schwierigkeiten, aber auch die Fortschritte der anderen. Die Eltern machten aktiv mit und brachten wichtige Informationen bei den Elternabenden ein.

Lesen:

Vom 1. Schultag an hatte ich Bilder mit kleinen Texten, Plakate, Buchstabengeschichten, Bücher und dergleichen in der Klasse so verteilt, dass die Kinder zum Lesen angeregt wurden. In der Freiarbeit beschäftigten sie sich gerne mit dem Werkzeugkoffer, dem Schmink - und Arztkoffer, der Gegenstände und Zuordnungskarten beinhaltet. Es gab Stapel von Wörtern, die Gegenstände im Klassenzimmer bezeichneten und die die Kinder finden sollten. Gegenseitige oder Lehrerhilfe wurde in Anspruch genommen und brachte auch den schwachen Schüler zu kleinen Erfolgen.

Von Anfang an ermunterte ich auch die Kinder, Erlebtes zu zeichnen und mich, die Geschwister oder die Eltern dazuschreiben zu lassen. Großen Spaß hatten alle am Geschichtenbuch, das täglich den Schreiber wechselte. Die Klassengeschichte wuchs jede Woche um eine Folge und wurde ein illustriertes Büchlein wie auch unser Protokollbuch, wo die Kinder zu Fotos aus dem Schulalltag dazuschrieben, u. a. m.
Nebenbei bemerkt, waren alle Kinder bis zum Schulschluss mit den Buchstaben durch, konnten alle lesen und waren hochmotiviert für die 2. Klasse.

Die Kinder hatten Zeit gehabt für jeden Buchstaben, für jedes Wort, sodass keine Buchstaben verwechselt wurden. Was mich auch mit großer Genugtuung erfüllt hat, war, dass die Kinder weit mehr als die gesteckten Ziele erreicht hatten, nämlich: 

  • Verantwortung für sich zu übernehmen,
  • frei aus Materialien zu wählen,
  • die Arbeit damit auch zu Ende zu führen,
  • den Ordnungsrahmen einzuhalten,
  • sich gegenseitig zu helfen,
  • Schwierigkeiten miteinander zu besprechen,
  • sich selbst zu kontrollieren,
  • eigene Ideen zu entwickeln und
  • selbständiger und selbstbewusster zu werden.

Für mich ist das Ansporn genug, mit dieser Unterrichtsform weiterzumachen.

VOL Karin Merkl, Montessoripädagogin