Der Schreib- und Leselernprozess

Wie GÜNTHER betont, handelt es sich beim Erwerb der Schriftsprache um einen sprachlichen Prozess, nämlich die Umsetzung der gesprochenen in die geschriebene Sprache. Deutlich wird damit einerseits der enge Zusammenhang zwischen Laut- und Schriftsprache, andererseits die Prozesshaftigkeit dieses Geschehens.

Ähnlich wie beim Sprechenlernen findet der Schriftspracherwerb in Form einer allmählichen Annäherung an die normgerechte „Erwachsenenschrift“ statt. Durchlaufen werden dabei mehrere, qualitativ verschiedene Phasen, und zwar abwechselnd beim Schreiben und beim Lesen auf jeweils höherem Niveau. Wobei festzuhalten bleibt, dass die Übergänge immer fließend sind, und der Entwicklungsverlauf als solcher starken individuellen Schwankungen unterliegt.

Um Einblick in diesen Prozess zu gewinnen, ist es notwendig, sich vorerst den Aufbau und damit das Wesen unserer Schriftsprache vor Augen zu führen:

Die deutsche Schriftsprache ist eine Lautschrift nach dem alphabetischen System. Im Gegensatz zu logographischen Schriften wird ein Lautwort nicht durch Bildzeichen, sondern durch eine Buchstabenkombination wiedergegeben. Mit 26 Buchstaben lassen sich alle Wörter unserer Sprache bilden.

Die Umsetzung der gesprochenen in die geschriebene Sprache ist ein außerordentlich komplizierter Prozess, das Erfassen der komplexen Beziehung zwischen Schrift- und Lautstruktur stellt hohe Anforderungen an ein Kind beim Schreiben- und Lesenlernen.

Um ein Wort niederschreiben zu können, ist es notwendig, die gesprochenen Silben des betreffenden Wortes in noch kleinere Einheiten, nämlich die Phoneme (d.h. die kleinsten bedeutungsunterscheidenden sprachlichen Einheiten in der Lautsprache) zu gliedern und diesen die entsprechenden Grapheme (d.h. die auf der schriftlichen Ebene umgesetzten Phoneme in Form von Buchstaben) zuzuordnen. Das erfordert einerseits eine gute Differenzierungsfähigkeit im Bereich der auditiven Sprachwahrnehmung, andererseits eine hohe Abstraktionsleistung, da Phoneme in ihrer Reinform innerhalb des gesprochenen Wortes nicht zu hören sind. Erschwert wird die orthographisch richtige Schreibung noch dadurch, dass in unserer Sprache Phonem-Graphem-Zuordnungen häufig nicht eindeutig sind.

SASSENROTH (1991) macht außerdem darauf aufmerksam, dass nicht nur der Entwicklungsstand der Lautsprache Einfluss auf die Aneignung der Schriftsprache hat, sondern auch die von einem Kind mit Schrift gemachten vorschulischen Erfahrungen sowie sein Wissen über die Sprache.
 

Entwicklungsmodell des Schriftspracherwerbs nach GÜNTHER:

1. Präliteral-symbolische Phase

GÜNTHER geht von der Annahme aus, dass der Schriftspracherwerb nicht erst mit dem Lesen und Schreiben im engeren Sinne beginnt, sondern schon wesentlich früher.
Als Vorstufe zum Lesen und Schreiben wird die Bildbetrachtung sowie die beginnende Wiedergabe des Wahrgenommenen in Form von konstruktivem Bauen und Malen gesehen. Langsam erfährt das Kind, dass Bilder mittels Sprache auch abstrakt - in Form von Buchstaben -  dargestellt werden können. Der entscheidende Schritt erfolgt mit der Einsicht in die Unterschiedlichkeit von Bildern und Buchstaben. Somit erfahren Kinder Buchstaben als etwas Bedeutsames - als etwas, das unmittelbar mit Sprache zu tun hat.  

2. Logographemische Phase

Diese Strategie umfaßt zunächst eine rein visuelle Vorgehensweise. Das Kind orientiert sich bei der Identifikation von Wörtern an hervorstechenden Merkmalen, merkt sich also Teilelemente, welche beim Lesen leicht wiedererkannt werden können. Beim Versuch, die Wörter schriftlich wiederzugeben, werden die Buchstaben sowie deren Reihenfolge erinnert und - mit mehr oder weniger Erfolg - aus dem Gedächtnis niedergeschrieben.

Das Schreiben eines Wortes erfolgt hierbei nicht aufgrund einer Lautanalyse, sondern anhand der über die jeweiligen Wortmerkmale gespeicherten Informationen. Mit anderen Worten, das Schreiben basiert ausschließlich auf der wortspezifischen Speicherung im Gedächtnis, da dem Kind noch keine Informationen über die Konstruktion orthographisch unbekannter Wörter zur Verfügung stehen.
Zwangsläufig führt diese Strategie des Wortbildlesens immer wieder zu Verlesungen und beim Schreiben häufig zu Auslassungen und Vertauschungen.
 

3. Alphabetische Phase

Das zentrale Element dieser Strategie besteht in der allmählichen Erfassung der Phonem-Graphem-Zuordnungen.

Mit zunehmendem Verständnis für den Zusammenhang zwischen gesprochener und geschriebener Sprache beginnt das Kind, Gehörtes in Schrift zu übersetzen. Dies erfolgt zunächst auf der Ebene der kleinsten Einheiten, nämlich der Phoneme und der Grapheme, indem das Kind die Wörter lautsprachlich analysiert und die gehörte Lautfolge schriftlich umsetzt.

Um den einzelnen Lauten Buchstaben zuordnen zu können, ist sowohl das Wissen um die jeweiligen Lautwerte der Buchstaben erforderlich als auch die Fähigkeit, einzelne Laute aus einem Wort isolieren zu können.

Die vollständige Analyse aller Laute eines Wortes ist ein außerordentlich schwieriges Unterfangen, weshalb zu Beginn dieser Phase Wörter häufig unvollständig - insbesondere in Form von konsonantischen Skelettschreibungen(Hs für Haus, Bl für Ball) wiedergegeben werden. Die bevorzugte Verwendung von Konsonanten ergibt sich aus der Tatsache, dass sich die erste Lautanalyse vorrangig an der eigenen Artikulation des Wortes orientiert und hierbei Konsonanten leichter identifiziert werden können. Während das Heraushören der Anfangslaute und der Endlaute noch relativ leicht gelingt, bereiten die mittleren Laute häufig Schwierigkeiten.

Mit der Zeit gelingt die Wiedergabe aller Laute eines Wortes immer besser, die Schreibung wird vollständiger. Neben Buchstabenauslassungen bei langen Wörtern und Konsonantenanhäufungen lassen sich noch Fehler aufgrund mangelhaften Wissens um komplizierte Phonem-Graphem-Zuordnungen beobachten.
Des weiteren treten - als Folge der noch sehr kleinen Übersetzungseinheiten (Analyse einzelner Laute) - oft noch Buchstabenumstellungen und -wiederholungen auf.

Erschwert wird die orthographisch richtige Schreibung zusätzlich durch die Mehrdeutigkeit gewisser Phonem-Graphem-Zuordnungen in unserer Sprache (f wird zu f oder v) und die - im Dialekt noch verstärkt auftretenden - Abweichungen vieler Wörter vom phonematischen Prinzip (lesn statt lesen). Die Schreibweise erfolgt in dieser Phase noch stark phonetisch, d. h. sie orientiert sich an der jeweiligen Aussprache des Wortes.
Dennoch stehen dem Kind mit dieser Strategie ungleich bessere Möglichkeiten zum schriftsprachlichen Erwerb bisher unbekannter Wörter zur Verfügung als noch in der vorangegangenen Phase. Umgekehrt passiert es jetzt, dass bereits scheinbar gesicherte, einfache Lernwörter - der neuerworbenen phonemischen Strategie folgend - plötzlich wieder falsch geschrieben werden.
 

4. Orthographische Phase

Diese Phase beinhaltet die zunehmende Loslösung von der Lautsprache und die Einsicht, dass die orthographisch korrekte Schreibweise vielfach durch andere linguistische Prinzipien bestimmt ist.

Durch den verstärkten Umgang mit Lernwörtern gewinnt das Kind allmählich Einsicht in gewisse strukturelle Regelmäßigkeiten unserer Schriftsprache, die in der Folge als allgemeine Merkmale internalisiert werden.

Es erfolgt eine erste Auseinandersetzung mit orthographischen Elementen, obwohl diese zum Teil noch recht willkürlich eingesetzt werden (Bsp. Groß- und Kleinschreibung).
Eine an und für sich erfolgreiche Generalisierung bestimmter Regeln kann wiederum eine - in verschiedenen Fällen nicht angebrachte - Übergeneralisierung zur Folge haben (lesen statt lesn, Wasser statt Wassa, aber fälschlicherweise Oper anstelle von Opa).

Das Kind lernt mehr und mehr, rein phonematisch orientierte Zuordnunsregeln zwischen Lautfolgen und Schriftzeichen zugunsten von strukturellen Gesetzmäßigkeiten abzubauen.  

5. Integrativ-automatisierte Phase

Diese Phase beinhaltet im wesentlichen keine neuen Vorgehensweisen. Vielmehr werden die zuvor erworbenen Strategien gefestigt und automatisiert.

Dr. Dagmar Herbst, Schulpsychologie Tirol

Literatur:

K. B. Günther: Ontogenese, Entwicklungsprozeß und Störungen beim Schriftspracherwerb.
     Verlag: Schindele Heidelberg, 1989
K. Landerl: Legasthenie in Deutsch und Englisch. Verlag: Peter Lang Frankfurt, 1996
M. Sassenroth: Schriftspracherwerb: Entwicklungsverlauf, Diagnostik und Förderung.
     Verlag: Paul Haupt Bern und Stuttgart, 1991